Das Buch zur Serie in den Fürther Nachrichten mit vielen skurrilen, melancholischen und einfach schönen Geschichten aus Fürth mit wunderbaren Fotos von Andreas Riedel.

von Bernd Noack

Es gab Zeiten, da ging ein junger Musikant nicht schnurstracks ins Studio, um einem Dieter Bohlen etwas vorzusingen und schlagartig berühmt (oder berüchtigt) zu werden. Nein, er ging noch – auf die Walz. Wie der Handwerker, auf den in den Städten noch reichlich Wegräum- und Aufbau-Arbeit wartete, machte sich auch solch ein Zupfgeigenhansel mit Show-Allüren nach dem großen Krieg auf die noch löchrigen Socken, um den geplagten Wirtschaftswunder-Kindern ein wenig Kurzweil und sich selber bescheidenen Ruhm und ein paar Pfennige dazu zu verschaffen. Und manch einer wurde sogar zum Star...

„Ich muss die Geschichte von vorne beginnen. Ich bin vom Gymnasium weggelaufen und bin per Autostopp getrampt, über Italien nach Tunis, von Tunis nach Casablanca, bin dann hängengeblieben bei der Fremdenlegion. Ich wollte aber unbedingt nach Hamburg und bin auf dem Weg dahin in Fürth gelandet. Warum in Fürth und warum in Nürnberg? Weil hier die amerikanische Besatzungsmacht, so hieß das damals noch, war. Weil ich für diese Soldaten spielen wollte und zwar Hillbilly, also Country und Western. Die Amerikaner waren sehr großzügig, ich hab da immer mal nen Dollar oder zehn oder fünf oder zwei in die Gitarre geschmissen bekommen.“

So erinnerte sich einmal in einem Gespräch Manfred Nidl-Petz. Kennt niemand? Moment...

1931 in Niederösterreich geboren, kam der zu Beginn der 50er Jahre unter dem sehr verwegen und irgendwie nach fernen Welten klingenden Pseudonym Freddy Quinn erstmals auf die noch bescheidenen deutschen Show-Bühnen. Mit Liedern wie „Heimweh“, „Die Gitarre und das Meer“ oder „La Paloma“ sang er sich schnell und unauslöschlich in die Herzen der Bundesbürger, die nach Jahren der braunen „Irrfahrten“ nun nach bunten Abenteuern lechzten: Freddy bestand sie stellvertretend und immer auch ein wenig halbstark, wie diese Amis, die ungestraft mit ihren Panzern lässig den frisch aufgetragenen Teer auf den Bundesstrassen ramponierten und so endlos nach Freiheit und filterloser Lucky dufteten. Freddy wurde zum Freund all der Ottos mit dem Rufnamen Normalverbraucher. Und dass es diesen „Bruder Leichtfuß“ in seinen Liedern stets zu irgendeinem Hafen zog, wo ihm alle erdenklichen Hori-zonte offen standen – ja, sang da nicht einer genau von den unbefriedigten Sehnsüchten, die einen Nacht für Nacht in den trüben Traum voll profaner Alltagssorgen quälten?

Doch der Weg zum großen Meer ist weit wie der Ozean selber. Und nicht selten führte er da-mals durch die staubig-trockene Provinz. Ausgerechnet in Fürth also ist Freddy, dieser frühe Superstar, gestrandet. In der Gustavstrasse, die seinerzeit noch die wild befahrene „B 8“ war, Hausnummer 41, in einem Lokal, das, gelegen zwischen „Rotem Roß“ und „Goldenem Schwan“ den doch eher exotischen, gefährlich klingenden Namen „Zum Gelben Löwen“ trug und trägt.

Marga Schadler war damals die Wirtin. Ihr halbes Leben stand sie hinter dem Tresen ihres Lokals. Nach dem Krieg hatte die Gastwirtstochter, Sternzeichen Löwe, aus Unterfranken (ihre Eltern hatten ein Wirtshaus namens „Goldener Löwe“), den Fürther Wirt vom „Gelben Löwen“ geheiratet. Der hieß naturgemäß Leo.

Vorne die Kneipe lief schon bald zufriedenstellend, aber das lebenslustige und geschäftstüchtige Ehepaar wollte auch den hinteren Raum noch nutzen: eine Bar mit Tanzmusik und Cocktails, ein bisschen weite Welt in der engen Altstadt stellte man sich vor, nicht ohne auf die in der Stadt stationierten amerikanischen Soldaten zu schielen – und auf deren Dollars natürlich. Hullygully am Gänsberg!

„1951 wurde das Lokal vorne schon Mittag um elf Uhr geöffnet, war durchgehend auf bis früh um vier, und abends war hinten Barbetrieb mit Kapelle. Und immer mehr Amis kamen, es war jeden Tag brechend voll,“ erzählt Frau Schadler. „Und da kommt ein junger Bursche in Jeans, mit Gitarre, Tornister vorne als Gast rein. Mein Mann hat sich mit ihm unterhalten. Und später sagt er zu mir: ‚Der junge Mann bleibt bei uns.‘ - ‚Ja wieso?‘ - ‚Der spielt in der Kapelle mit. Freddy heißt er, kommt aus Wien. Für Kost und Logis macht er das.‘ - ‚Ja, wo soll denn der hin?‘ - ‚Kann doch im Bad schlafen.‘ Na ja, Freddy war da – und mit Freddy kam der Jubel. Er sprach perfekt Englisch, seine Hillybilly-Songs haben alle begeistert, die Leute stürmten das Lokal.“

Freddy Quinn hat sich später gerne und völlig ohne Scham an die verrauchten Hinterhof-Nachtlokale, überfüllten Clubs und bisweilen schummrigen Halbweltbühnen erinnert. „Und dann kam ich in Fürth an und da war ein Lokal, das hieß ‚Gelber Löwe‘. Und der Besitzer, der Herr Schadler und seine Frau, waren sofort sehr angetan von mir. Dann ergab es sich, dass ich da spielen sollte und dann hab ich mal ein bisschen mein Hillbilly-Repertoire gebracht und das war ein Riesenerfolg. Und so war ich sozusagen adoptiert. Ich hatte da ein wunderbares Auskommen, ich hatte ein kleines Zimmerchen, da konnte ich wohnen. Es war eigentlich sehr, sehr gemütlich und toll und mir gefiel das natürlich, dass ich eine Bleibe hatte und für die Amerikaner spielte. Und das zog sich dann hin.“ 

Die pure Bescheidenheit. Tatsächlich bekam der 19-jährige Teeny Freddy damals gerade mal zehn Mark Gage am Abend. Gegessen wurde bei Mutter Schadler über dem Lokal, geschlafen im notdürftig eingerichteten Badezimmer, romantischer Blick über die roten, steilen Gäns-berg-Dächer inklusive. Sehr sparsam sei er gewesen, erinnert sich Marga Schadler, Quinn selber stuft sich da schon mehr als „geizig“ ein, denn er steckte jeden Pfennig weg, um das Geld für die große Reise nach Hamburg zusammen zu bekommen: „Er hatte Familienan-schluss, wir haben Ausflüge mit ihm gemacht, in die Fränkische, haben meine Eltern besucht in Poppenlauer.“ 

Auch bei Freddy Quinn blieben die fröhlichen Spritztouren und unbeschwerten Überland-Partien mit der Wirtsfamilie in guter Erinnerung: „Hin und wieder durfte ich mit Schadlers mitfahren. Die haben mich mal auf eine große Reise mitgenommen, das war ein Riesenaben-teuer. Die hatten so einen Ford, so einen Buckel-Ford, Ford 14 oder irgend so ein tolles Gefährt, für die damalige Zeit ein Sensation. Und dann durfte ich da auch kurz ans Steuer, denn ich konnte ja schon Auto fahren, hatte aber keinen Führerschein. Und ich war, ja, ich kann das ruhig sagen, ein bisschen Familienmitglied.“ 

Doch Freddy wurde „abgeworben“: Die Amis wollten ihn in Nürnberg für den hauseigenen AFN-Sender haben. Da spielte er nachmittags um 15 Uhr einen Song – und verdiente mehr damit als im „Gelben Löwen“ in einer Woche. Eine Zeitlang hat er noch in der Gustavstrasse geschlafen, aber eines Tages war er dann ganz verschwunden – so unspektakulär wie er gekommen war: „Mein Freiheitsdrang war da im Endeffekt doch zu groß. Das Engagement beim AFN war natürlich wundervoll und auch ein bisschen ‚seriöser‘. Ich hab` mich also von ‚meiner Familie‘ – nicht im Bösen! – getrennt und habe dann leider lange Jahre nichts mehr von Schadlers gehört.“

Die freilich verfolgten den Werdegang ihres „Ziehsohns“: „Irgendwann in den 50er Jahren, da war ich beim Friseur Kirchdörfer in der Sterngasse in Fürth,“ erinnerte sich Marga Schadler einmal. „Und ich les die Zeitschrift ‚Madame‘ – und da ist unser Freddy drin, singt jetzt in der Washington Bar! Vor Künstlern! Ich hab mich ja so gefreut! Er hatte mir ja viel erzählt, er war damals noch so jung, hatte mir erzählt von seinem Liebeskummer und so. Da hab ich ihn getröstet und einmal zu ihm gesagt, wie wir uns nachmittags so unterhalten haben am Kaffee-tisch: ‚Freddy, Du landest noch in Hollywood!‘“

Irgendwo auf dem Dachbodenin der Gustavstraße 41 lag er noch jahrelang rum, der alte Tor-nister, mit dem der junge Mann damals Anfang der 50er Jahre in Fürth ankam. Und in der Musikbox vorne im Lokal konnte man für ein paar Pfennige „La Paloma“, gesungen von Freddy, drücken. Wenn die Bedienung mal gut drauf war, drehte sie auch den Automaten lauter. Und ungeniert bekam da regelmäßig die ganze nächtliche Gesellschaft feuchte Augen: „Junge, komm bald wieder...“.